Die Steinzeit des Instant Messagings

Auf Druck der Peer Group wollte ich heute »WhatsApp« auf dem heimischen iPad installieren. »Installier dir mal WhatsApp« hieß es. »Das ist total toll, dann kosten die Kurznachrichten nichts mehr«.

Vollkommen richtig! Denn dafür hat man schließlich ein internetfähiges Handy: Damit man nicht mehr von den Mobilfunkanbietern in dem Streichelzoo gehalten werden kann, wo eine Kurznachricht mit 160 Bytes für 19 Cent verkauft wird (pro Megabyte nur 1245,18€) und wo die Telko-Schlipsträger dieser Tage sabbernd die SMS-Nachfolgetechnik »Joyn« ankündigen, von der sie sich die Rettung ihrer Cash-Cow erhoffen.

Aber »Wie bitte?«, dachte ich beim Anblick von WhatsApp, »Das soll der jetzt also der evolutionäre Nachfolger der SMS sein?«, denn ich war enttäuscht.

Wenn wir inzwischen aber schon alle mit internetfähigen Handys die Welt bereisen, warum nehmen wir für die Kurzmitteilungen nicht eines der Netzwerke die schon da sind?

  • Facebook: Man kann sich bei Facebook über vieles beschweren, aber Hinz und Kunz sind hier per Nachricht zu erreichen. Mobilplattformübergreifende Clients für das Handy gibt’s kostenlos dazu.
  • XMPP: Jeder GMail-User ist bei der Datenkrake Google per Instant Messaging erreichbar. Google nutzt dafür das offene XMPP-Protokoll, auch bekannt als »Jabber«. Schön daran ist: Jabber funktioniert auch dezentral – man muss es nicht bei Google nutzen, um trotzdem von Google-Usern im Bekanntenkreis erreicht werden zu können. Enthusiasten können sich auch einen eigenen Server aufstellen. Client-Software gibt es auf allen Plattformen. Sogar WhatsApp und Facebook nutzen XMPP – WhatsApp aber in einer angepassten, nichtöffentlichen Variante und Facebook nur optional und innerhalb des ummauerten Facebook-Gartens.
  • ICQ, AIM, Windows Live Messenger & Co: Warum nicht zurück in die 90er Jahre besinnen und auf die guten und altbekannten Messenger-Netzwerke der Internet-Frühzeit zurückgreifen?

Wir können also bereits wählen zwischen »besonders große Verbreitung«, »besonders offene / unabhängige Plattform« und »etwas, das man schon kennt« und bekommen dafür auch ein Programm für unser Handy, unser Tablet und unseren PC. Wir sind dabei nicht einmal gezwungen, Geld auszugeben und müssen uns i.d.R. auch nicht in einem neuen Netzwerk anmelden, weil wir bei einem der o.g. ohnehin schon angemeldet sind.

Bei WhatsApp hingegen lassen wir uns für (geringes) Geld in einen neuen, abgeschlossenen Streichelzoo mit begrenzter Nutzerschaft stecken. Unterstützt werden nämlich nur Telefone – PCs und auch z.B. das iPad müssen draußen bleiben. Auf sich aufmerksam macht WhatsApp zudem regelmäßig mit neuen Sicherheitslöchern, damit dass es unsere Nachrichten unverschlüsselt überträgt und unser Adressbuch unverschlüsselt in die USA sendet.

Danke, nee.

Einen Kommentar schreiben