Der unvollkommene Roman

Zur Erläuterung: Kollege Gloystein hat mit dem ersten Absatz des unvollkommenen Romans angefangen und dann das “Staffelholz” weitergegeben…

Ihre Haare haben die Farbe von Herbstlaub, dachte er. Dann brach ihm der Kühler des novembergrauen Mercedes die Beine, schleuderte ihn durch die Luft und ließ ihn liegen wie einen verlorenen Handschuh. In so einem Augenblick zieht das ganze Leben an deinem inneren Augen vorbei. Sagen die Leute. Er sah nichts. Schwarz. Kein Tunnel und kein Licht am Ende. In »ER« kommt jetzt die Szene mit dem Neon-Licht an der Decke eines Krankenhausflures, verschwommene Gesichter, Geräusche wie durch Watte, dachte er. Irgendwer pinkelte ihm auf die Hand.

Nur langsam konnte er seinen scheinbar angebrochenen Hals zur Seite drehen um dann festzustellen, dass ein kleiner Hund im Gucci-Mantel neben ihm stand und sich auf seiner Hand entleerte. “Immerhin kann ich meine Finger und die Hundepisse noch fühlen. Bingo!”, dachte er. Während er überlegte was er mit dem Hund machen würde, wenn er sich auch nur einen Zentimeter bewegen könnte, hörte er ein dumpfes Schreien. Die Frau mit den Herbstlaubhaaren stand ein paar Meter entfernt und schlug die Hände vor das kältebedingte rotgefärbte Gesicht. Sie hatte nur den Aufschlag gehört und sich gleich umgedreht. Der Anblick der blutgetränkten braunen Cordhose war zuviel für ihre Nerven.

Wie er da so bewegungsunfähig abseits der Fahrbahn lag, dachte er nicht an seine zersplitterten Knochen und die vielen komplizierten Frakturen, welche er wie ihm ein Arzt später erläutern würde, erlitten hatte. Viel wichtiger erschien ihm in diesem Moment, ob man die tiefdunkelroten Flecken, die sich immer weiter ausbreiteten und das Herbstbraun der Cordhose mittlerweile fast schon schwarz wirken liesen, jemals wieder rauskriegen könne. Die Hose hatte er gerade erst nach erfolgreicher Beendigung seines letzten Auftrags, der Ihn nach London führte, neu gekauft. London war ein Traum gewesen: die Frauen, die Nächte, die Clubs und die vielen Parties. Nur an die eine Sache wollte er sich nie wieder erinnern. Seit zwei Tagen war er zurück in seiner Heimatstadt, um erstmal wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Irgendjemand beugte sich über ihn.

Aus der Ferne schien eine Stimme zu kommen. Die Bedeutung der Worte erschloss sich ihm nicht mehr. Er spürte, wie er auf einer Bahre angehoben wurde und fand sich in einem Rettungswagen wieder. Danach schwanden ihm die Sinne. Alles war schwarz. In diese Dunkelheit drangen Erinnerungen. Die grauen Fassaden seiner Heimatstadt, aus der er geflüchtet war weil er die Provinzialität nicht mehr ertrug. Die erste Freundin, die er schüchtern an einer Bushaltestelle geküsst hatte. Die Drogenexzesse mit falschen Freunden in den Clubs. Die große Liebe, die er hatte ziehen lassen weil er ihr nicht gewachsen war. Und dann: Semmelknödel. Berge von Semmelknödeln in Bratensauce. Die Semmelknödel zerplatzten, in die Traumwelt fuhr das wenig erfreuliche Gesicht eines nervösen Assistenzarztes “Verstehen Sie mich? Sie sind jetzt im Krankenhaus? Bleiben Sie ruhig, wir kümmern uns um Sie”.

Wieder gingen seine Gedanken zurück nach London. Peterborough Road in Harrow-on-the-Hill, dem Nordwesten der Hauptstadt. Dort, wo er sein Domizil mit einer blutjungen russischen Sprachschülerin teilte, deren Vater angeblich beim KGB Karriere gemacht hatte. Einen Steinwurf weiter entfernt lag Harrow School, auf der Winston Churchill wie auch Lord Byron und in jüngerer Zeit ein gewisser James Blunt ihre Lektionen gelernt hatten. Ebenfalls in äußerster Nähe lag “the Trinity”. Eine Pub/Club-Mischung, an der sich die Peterborough Rd in Gayton bzw. Station Road aufteilte. Unmittelbar bevor er den Club betrat, hatte er mit seinen Buddies eines Samstagabends Unmengen Becks Import aus dem Bargain Booze, einem Off Licence unter indischer Herrschaft genossen. Der Rugbypitch mit kilometerweiter Sicht in Richtung Kensington/City war nur zu geeignet für solche Anlässe, gerade in einem milden Sommer wie diesem. Man wankte ins Trinity, der DJ spielte Prodigy und Basement Jaxx, die Masse tobte. Was allerdings für Kontinentaleuropäer ungewöhnlich war: Der DJ nutzte eine Trillerpfeife, sowas kannte er aus Deutschland von den entsprechenden kahlgeschorenen Technohouse-Kollegen nicht. Ins Break platzte Craig, der ihm lakonisch eröffnete: “Wir müssen los. Alessandro hat so ein indisches Ding aus Shepherds Bush klargemacht und dabei leider ihre Brüder übersehen”. Warum konnte der verdammte Pizzabäcker auch nicht einmal sein Temperament zügeln.

Gerade noch rechtzeitig sprangen sie in den direkt vor dem Club geparkten Austin Healy. Craig hatte ein Faible für alte Karren. Nun saß er am Lenkrad und gab Gas, dass der Motor aufjaulte. Die wütenden indischen Brüder rannten noch ein paar Meter hinterher, hatten jedoch gegen das alte, aber liebevoll gepflegte Gefährt keine Chance. Kiechernd wie betrunkene Teenager fuhren sie zu dritt zurück in die Peterborough Road.

Aber die Nächte waren nur das halbe Leben in London. Tagsüber hatte ihm sein Auftrag zu schaffen gemacht. Dass sie ausgerechnet ihn ausgewählt hatten, konnte er sich bis heute nicht richtig erklären. Sicher, er war gut – und vor allem unauffällig. Schon seine Ex-Frau hatte vergeblich versucht, ihn von der grauen Maus in einen Paradiesvogel zu verwandeln. Ständig diese bunten Hemden, die sie ihm von ihren ausgedehnten Shoppingtouren mitbrachte. Schrecklich! Trotz der höllischen Schmerzen, die sich von seinen Beinen bis ins Rückenmark bohrten, musste er schmunzeln. Das war damals, lange her. Bevor Dr. Mehanko sich mit dem ersten Auftrag an ihn wandte, war er ein völlig anderer Mensch mit einem in ruhigen Bahnen verlaufenden Leben.

Mehanko»Kommen Sie mit« stieß eine fremdartig klingende Stimme hervor. Er stutzte und sah von seinen Semmelknödeln auf. Vor seinem Tisch in einem mittelmäßigen, gerade noch gutbürgerlich zu nennenden Lokal war damals wie aus dem nichts ein untersetzter Inder erschienen, nervös von einem Bein auf das andere tretend. Seltsam gehetzt wirkte dieser Mann, hier seine Hornbrille zurechtrückend, da an seinem Hemdkragen nestelnd, sich ständig umblickend, als ob er ernstlich erwartete dass der Leibhaftige jederzeit erscheinen könne um seine Seele einzufordern. So beklemmend war dieser Eindruck, dass etliche Sekunden verstrichen in denen sein Betrachter nichts weiter tun konnte als ihn anzustarren, während sich die Bratensoße einen Weg entlang seinem Kinn bahnte.

»Meinen Sie mich?« hätte seine Antwort gelautet, hätte sie jemals verständlich den Semmelknödel in seinem Mund passiert. Dr. Balbir Mehanko – denn so hieß die seltsame Erscheinung, wie er später erfuhr – schien den Versuch einer Entgegnung gar nicht wahrgenommen zu haben. Unvermittelt schloss sich die Hand des Doktors mit überraschend starkem Griff um sein Handgelenk, während seine Augen ihn fiebrig glänzend, und doch innerlich scheinbar vom Feuer einer Supernova erfüllt anstarrten. »Kommen Sie mit«, raunte er abermals, und fügte fast keuchend hinzu: »schnell, bevor es zu spät ist!«

Ein kalter Schauer durchfuhr ihn, als Mehanko ruckartig losließ und sich erneut umsah wie ein mit Chili-BBQ-Sauce übergossenes Meerschweinchen in einem Tigergehege. Mehankos Arm hatte sein Glas umgestoßen, dessen Inhalt – ein billiger Rotwein – sich nun über sein Cordhose ergoss. Der Anblick des rotdurchtränkten, braunen Cordstoffes schien in seinem Kopf eine unbewusste Erinnerung wecken zu wollen. Bevor Sie jedoch zu einem greifbaren Gedanken werden konnte, zerrte ihn Dr. Mehanko von seinem Platz in Richtung Ausgangstür, hastig einige Scheine auf den Tisch hinterlassend.

Fortsetzung:
1. Weiterschreiben.
2. Die Absätze vorher werden mit einem Link zum passenden Beitrag des Autors versehen.
3. Den nächsten zwingen, den unvollkommenen Roman weiterzuschreiben.

So Jörg, nu bist du an der Reihe!

3 Reaktionen zu “Der unvollkommene Roman”

  1. Tine

    Great! 🙂 Das wird so langsam eine richtige Herausforderung, alle Stränge irgendwann mal wieder zusammenzuführen… Da bin ich mal gespannt, was der Jörgi draus macht! 🙂
    PS: Den Link zu pepperking von der Chili-bbq-Sauce musstest du dir bestimmt verkneifen, oder? 😉

  2. » Der unvollkommene Roman | escene Development

    […] »Kommen Sie mit« stieß eine fremdartig klingende Stimme hervor. Er stutzte und sah von seinen Semmelknödeln auf. Vor seinem Tisch in einem mittelmäßigen, gerade noch gutbürgerlich zu nennenden Lokal war damals wie aus dem nichts ein untersetzter Inder erschienen, nervös von einem Bein auf das andere tretend. Seltsam gehetzt wirkte dieser Mann, hier seine Hornbrille zurechtrückend, da an seinem Hemdkragen nestelnd, sich ständig umblickend, als ob er ernstlich erwartete dass der Leibhaftige jederzeit erscheinen könne um seine Seele einzufordern. So beklemmend war dieser Eindruck, dass etliche Sekunden verstrichen in denen sein Betrachter nichts weiter tun konnte als ihn anzustarren, während sich die Bratensoße einen Weg entlang seinem Kinn bahnte. […]

  3. Jörg

    Ihr seid schon gemein. 😉

    Die Fortsetzung ist absolut daneben gegangen, aber ihr wolltet es so.

    Gruß
    Jörg

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